Sonntag, 1. Dezember 2019

Der Weihnachtskönig


Der Weihnachtskönig
von Irmgard 


„Hast du das Rentier bekommen?“
Joselyns Frage löste bei Henry ein vages Gefühl von Schuld aus, das er sofort im Keim erstickte.
Das Rentier war nur eines von vielen Dingen, die er erledigen musste, abgesehen von seiner Arbeit im Bahnhof. Der Kiosk lief gut, fast zu gut, um wahr zu sein. Gerade jetzt in der Vorweihnachtswoche stürmten Kunden zu ihm und seine Kasse füllte sich in angenehmster Weise.
„Das Rentier gab es nicht mehr. Dafür habe ich einen Elch besorgt“, antwortete er, und Joselyns blaugrüne Augen füllten sich daraufhin augenblicklich mit Tränen, die über ihre Wangen hinabliefen und im Make-up unschöne Spuren hinterließen. Sie war nicht schön im eigentlichen Sinn. Mittelblondes Haar und eine Stupsnase, deren Spitze ein wenig keck nach oben wies. Für Henry spielte ihr Aussehen keine Rolle. Er liebte sie von Herzen.
„Oh!“, sagte sie mit matter Stimme, „Ein Elch.“
Henry zog mit heiterer Miene ein Päckchen aus der Einkaufstasche und präsentierte es Joselyn mit dem Ausruf, „Traraaaah!“
Joselyn nickte nur, nahm ihm das Päckchen ab und ging damit in die Küche ihrer kleinen Wohnung. Ja, ihre Wohnung war winzig. Aber sie war gemütlich eingerichtet und zeichnete sich durch sanfte Farben aus. Die Farbauswahl hatte Joselyn getroffen und damit ihren guten Geschmack bewiesen.
Bisher hatte es immer gereicht. Die Wohnung. Das Geld. Ihre Liebe. Nur dieses verflixte Rentier stand einem grandiosen Weihnachtsfest im Weg.
Henry folgte Joselyn in die Küche. Die Küchenzeile war umkränzt von einer künstlichen Tannengirlande in der hundert bunte Lichter blinkten.
„American Christmas!“, hatte Joselyn glücklich geseufzt, nachdem die Girlande von Henry aufgehängt worden war. Das verflixte Ding erwies sich als tückisch, weil es immer wieder aus den Haken schlüpfte, sobald man eine Tür der Hängeschränke öffnete. Aber Joselyn freute sich darüber und deshalb war es Henry egal.
„Du bist mein Weihnachtskönig, Henry! Niemand kann besser dekorieren als du!“, hatte sie gesagt.
Das Abendessen schmeckte  köstlich. Gebratene Würstchen im Speckmantel, dazu ein Feldsalat und als Nachtisch flambierte Ananas, die Joselyn, in ein neckisches Baby-Doll gekleidet, servierte hatte.
Henrys Unmut war verflogen, und schuldig fühlte er sich auch nicht. Der Elch, der eigentlich ein Rentier sein sollte, stand nun auf einem Regal oberhalb der Spüle. Es war ein hässliches Ding mit orangefarbenen Glasaugen, die blinkten und ihm ein tückisches Aussehen gaben. Joselyn spülte das Geschirr und warf ab und an einen Blick darauf.
Warum musste es ein Rentier sein?
„Weißt du, der Weihnachtsmann kann doch nur mit einem Rentier kommen. Das ist einfach so“, hatte Joselyn ihm erklärt. Vielleicht wäre es besser gewesen im Internet zu bestellen. Aber die Zeit hatte nicht gereicht, und Joselyn bestand darauf, dass er sich um das vermaledeite Tier kümmerte.

„Was gibt es im Fernsehen?“
„Ich dachte wir könnten heute mal eine DVD ansehen…“
Joselyn ging ins Schlafzimmer zog einen Morgenmantel an und setzte sich aufs Bett. In Gedanken zählte sie die Tage bis Heiligabend. Im Fenster hing ein großer Stern aus rosa Papier. Henry hatte ihn mitgebracht und das Ungetüm zur Alternative für den Weihnachtsbaum erklärt. Ihr wäre auch ein kleiner Baum recht gewesen, notfalls aus Plastik, nur konnte sie ihm das nicht sagen.
Wie soll man eine unbestimmte Sehnsucht erklären, die man selber nicht versteht? Henry mühte sich ohnehin sehr ab, damit es ihr gut ging und tat alles, um sie vergessen zu lassen, dass es ihr letztes Weihnachten sein würde.
Drei Jahre und sieben Tage. So lange kannte sie ihn jetzt, und ihre erste Begegnung hatte sich fest in ihrem Gedächtnis verankert. Henry war ihr aufgefallen, weil er eine scheußlich orangefarbene Jacke trug, während er vor ihr an der Kasse eines Supermarkts wartete. Erst als er sich umdrehte und sie mit haselnussbraunen Augen anlachte, bildeten sich in ihrem Magen viele flatternde Schmetterlinge.
Der blonde Lockenkopf hätte vielleicht einen neuen Schnitt vertragen können, aber sein Charme machte alles wett, und sie verliebte sich von einer Sekunde zur anderen.

Er stand im Türrahmen und sah wie sie nachdachte. Was konnte er noch tun, damit sie sich nicht ständig so quälte? Unhörbar seufzend stellte er den Fernseher an und legte die DVD mit Joselyns Lieblingsfilm in den Player. Sollte er Reue spüren, weil er ihr diesmal nicht das Richtige mitgebracht hatte? Für ihn bedeutete es nichts. Er konnte mit dem ganzen „Weihnachsklimbim“, wie er es insgeheim nannte, nichts anfangen. Der rosa Stern war ein weiterer Beweis für seine Versuche, das Fest der Liebe und der Freude in irgendeiner Form anzunehmen. Einen Baum hatte Joselyn sich gewünscht…

Joselyn schaltete die Beleuchtung des Sterns an und legte sich aufs Bett. Den Film kannte sie auswendig und die Handlung rauschte an ihr vorbei. Sie war ganz weit weg. Wohin würde sie gehen, wenn das hier vorbei war?
„Komm zurück.“ Henrys Stimme klang ganz dicht an ihrem Ohr und brachte sie zurück in das kleine Schlafzimmer und die Wirklichkeit.
„Ich möchte nicht, dass du dabei bist“, murmelte sie und drehte sich zur Seite.
Henrys Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Diesmal fühlte er Scham und Schuld, denn er hatte Angst davor. Gnadenlose kalte Furcht. Tief in ihm war immer der Wunsch gewesen, es nicht miterleben zu müssen und nun, da sie ihn davon befreite, sah er sein eigenes Versagen mit unerbittlicher Klarheit.
„Ich werde morgen noch einmal nach einem Rentier suchen. Vielleicht bekomme ich sogar eines, das ein Weihnachtslied singt?“ Er versuchte positiv zu klingen.
„Lass nur. Der Elch reicht auch. Was hältst du davon, wenn ich noch einmal Plätzchen backe? Es sind nur noch ganz wenige da, und an Heiligabend sollten wir doch Plätzchen essen.“

Der nächste Tag wurde hektisch. Eine Lieferung für den Kiosk war ausgeblieben und brachte eine Menge Ärger mit sich. Henry überlegte, ob er eine Aushilfe einstellen sollte. Bis vor ein paar Monaten hatte Joselyn mitgeholfen und im Notfall den Verkauf übernommen, wenn Henry selber etwas für den Kiosk einkaufen musste. Aber dann kam die Krankheit und mit ihr eine Joselyn, die schwächer wurde, ängstlicher und auch immer trauriger. Er spürte ihre Trauer, auch wenn sie die Fassade der Fröhlichkeit tapfer vor sich hertrug.
Das Rentier fiel ihm wieder ein. Er schloss den Kiosk ab. Egal, dass ihm dadurch eine Menge Geld durch die Lappen ging. Verärgerte Kunden? Unwichtig.
Henry lief in die Fußgängerzone, vorbei an Buden in denen man Glühwein und Bratwürstchen anbot. Die Gerüche verfolgten ihn, und er zog von einem Geschäft ins nächste bis es spät wurde und die Läden einer nach dem anderen zu machten.
Kein Rentier. Wieso gab es keine Rentiere? Niedergeschlagen fuhr er nach Hause. In den Fenstern und Vorgärten wiesen beleuchtete Symbole darauf hin, dass es bald soweit war. Noch zwei Kilometer bis zum Geständnis. Henry bog in eine kleine Seitenstraße ab, die zu dem Mehrfamilienhaus führte, in dessen kleinster Wohnung Joselyn auf ihn wartete. Auf einem der Dächer leuchtete eine besonders große Gestalt. Henry verlangsamte,um zu sehen, was für eine Figur es war.
Ein Rentier! Das hätte er sich ja denken können. Mit einem traurigen Lächeln kehrte er heim. Dort empfing ihn der Duft von frisch gebackenen Plätzchen. Eine Kerze stand auf dem Küchentisch, die Girlande blinkte hektisch und Joselyn nahm gerade ein Backblech aus dem Ofen.
„Tut mir leid. Morgen versuche ich es noch einmal. Ich fahre in die Mall am anderen Ende der Stadt.“ Joselyn schüttelte nur leicht den Kopf.
„Wirklich! Es ist nicht so wichtig. Ich habe mich jetzt an den Elch gewöhnt“, sagte sie. Henry wusste darauf keine Antwort. Was sie auch immer sagte, das Rentier war ihr wichtig. Er würde noch vor Heiligabend eines finden.

Am Morgen jenes besonderen Tages wachte Joselyn sehr spät auf. Sie hatte geschlafen wie eine Tote, und der makabre Gedanke kam ihr wie eine Sünde vor. Henry befand sich nicht neben ihr. Wahrscheinlich war er schon zur Arbeit gefahren. Der Kiosk sollte bis Mittag geöffnet sein. Aber dann wollte er mit ihr Weihnachten feiern, so als wäre die Welt ein verzauberter Ort, an dem es keinen Schmerz und kein Leid gab.
Im Briefkasten lag ein Umschlag, der an sie adressiert war. Achtlos, ohne den Absender zu lesen, legte sie ihn auf den Küchentisch und bereitete sich ein Frühstück mit Tee und einer Scheibe Toast zu. Heute an Weihnachten wollte sie von niemandem belästigt werden. Ihre Vorbereitung für den Nachmittag und Abend beschäftigten sie. Joselyn hatte zwei Geschenke für Henry. Einen Jahresgutschein von einem exklusiven Friseursalon und eine wattierte, hellblaue Daunenjacke, auf deren Rückseite „King“ aufgestickt war. Die Kerze auf dem Tisch wurde angezündet. Alle Weihnachtsbeleuchtungen inklusive des hässlichen rosa Sterns waren angeschaltet. Dann kochte sie ihr Weihnachtsmenü.
Irgendwann schaute sie auf die Uhr und da es schon so spät war entschloss sie sich, Henry auf seinem Handy anzurufen. Aber es meldete sich nur die Mailbox. Nun wurde ihr ein wenig mulmig. Die Vision von einem schlimmen Unfall entstand vor ihren Augen, und sie musste sich setzen. Um sich abzulenken, schaltete sie das Küchenradio an, fuhr mit der Zubereitung des Essens fort und redete sich ein, dass alles in Ordnung sei.

Gegen vier Uhr nachmittags hatte sich Henry immer noch nicht eingefunden. Kein Anruf. Kein Lebenszeichen. Immer, wenn sie sein Handy anrief, meldete sich die monotone Stimme des Ansagetextes. Im Kiosk selber gab es noch kein Telefon. Wen konnte sie noch kontaktieren, der ihr sagte, was passiert war? Zum Weinen fehlte ihr die Kraft, die Vorbereitungen für den Heiligabend waren wohl doch zu viel gewesen. Plötzlich schreckte sie auf. Im Radio hatte jemand ihren Namen gesagt.
„Achtung! Dieser Weihnachtsgruß geht an Joselyn von Henry. Joselyn? Das ist für Dich.“
Es erklang das Lied „Rudolph The Red Nosed Reindeer“. Der Weihnachtskönig hatte geschafft, dass Joselyn lachte, bis ihr die Tränen kamen. Sie lachte auch noch, als die Wohnungstür aufgeschlossen wurde und ein abgekämpfter Henry in die Wohnung trat.
„Hast du das Rentier erhalten? Also das Lied meine ich“, fragte er atemlos.
„Ja! Wie hast du das angestellt? An Weihnachten?“, fragte sie, während sie ihn umarmte.
„Ich bin zum Sender gefahren. Erst habe ich dort angerufen, aber sie wollten partout keine Wünsche erfüllen, weil das Programm ja schon feststeht. Hat auch eine Weile gedauert bis ich sie überzeugt habe, dass man gerade dieses Lied spielen soll. Dann fiel mir ein, dass du vielleicht das Radio nicht eingeschaltet hast, und ich konnte dich nicht anrufen weil mein Handyakku leer ist. Ja, und auf dem Heimweg hatte ich eine Reifenpanne. Tut mir leid, dass ich so spät bin.“ Henry setzte sich auf einen Stuhl und zog Joselyn auf seinen Schoß.
„Du Ärmster. Nein. Mir tut es leid. Alles wegen des Rentiers! Du bist wirklich und wahrhaftig mein Weihnachtskönig und nun müssen wir Ihre Majestät füttern!“
Henry nahm den Briefumschlag, der immer noch auf dem Tisch lag, las den Absender und erstarrte.

„Joselyn, der Brief hier, hast du gesehen, woher er kommt?“
„Oh, den habe ich ganz vergessen“, antwortete Joselyn, die gerade den Salat aus dem Kühlschrank holte.
„Der Absender ist die Rembach-Klinik.“
Die Salatschüssel fiel zu Boden.
Mit zitternden Fingern öffnete Henry den Umschlag. Es wurde mitgeteilt, dass Josselyn zur Behandlung angenommen war und sie am 2. Januar dort erwartet wurde. Es bestand wieder Hoffnung auf weitere gemeinsame Weihnachtsfeste.

„Du hattest Recht, Joselyn. Der Weihnachtsmann kann nur mit einem Rentier kommen!“





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