Der Weihnachtskönig
von Irmgard
„Hast du das Rentier
bekommen?“
Joselyns Frage löste
bei Henry ein vages Gefühl von Schuld aus, das er sofort im Keim erstickte.
Das Rentier war nur
eines von vielen Dingen, die er erledigen musste, abgesehen von seiner Arbeit
im Bahnhof. Der Kiosk lief gut, fast zu gut, um wahr zu sein. Gerade jetzt in
der Vorweihnachtswoche stürmten Kunden zu ihm und seine Kasse füllte sich in
angenehmster Weise.
„Das Rentier gab es
nicht mehr. Dafür habe ich einen Elch besorgt“, antwortete er, und Joselyns
blaugrüne Augen füllten sich daraufhin augenblicklich mit Tränen, die über ihre
Wangen hinabliefen und im Make-up unschöne Spuren hinterließen. Sie war nicht
schön im eigentlichen Sinn. Mittelblondes Haar und eine Stupsnase, deren Spitze
ein wenig keck nach oben wies. Für Henry spielte ihr Aussehen keine Rolle. Er
liebte sie von Herzen.
„Oh!“, sagte sie mit
matter Stimme, „Ein Elch.“
Henry zog mit heiterer
Miene ein Päckchen aus der Einkaufstasche und präsentierte es Joselyn mit dem
Ausruf, „Traraaaah!“
Joselyn nickte nur,
nahm ihm das Päckchen ab und ging damit in die Küche ihrer kleinen Wohnung. Ja,
ihre Wohnung war winzig. Aber sie war gemütlich eingerichtet und zeichnete sich
durch sanfte Farben aus. Die Farbauswahl hatte Joselyn getroffen und damit
ihren guten Geschmack bewiesen.
Bisher hatte es immer
gereicht. Die Wohnung. Das Geld. Ihre Liebe. Nur dieses verflixte Rentier stand
einem grandiosen Weihnachtsfest im Weg.
Henry folgte Joselyn
in die Küche. Die Küchenzeile war umkränzt von einer künstlichen Tannengirlande
in der hundert bunte Lichter blinkten.
„American Christmas!“,
hatte Joselyn glücklich geseufzt, nachdem die Girlande von Henry aufgehängt
worden war. Das verflixte Ding erwies sich als tückisch, weil es immer wieder
aus den Haken schlüpfte, sobald man eine Tür der Hängeschränke öffnete. Aber
Joselyn freute sich darüber und deshalb war es Henry egal.
„Du bist mein
Weihnachtskönig, Henry! Niemand kann besser dekorieren als du!“, hatte sie
gesagt.
Das Abendessen
schmeckte köstlich. Gebratene Würstchen im Speckmantel, dazu ein
Feldsalat und als Nachtisch flambierte Ananas, die Joselyn, in ein neckisches
Baby-Doll gekleidet, servierte hatte.
Henrys Unmut war
verflogen, und schuldig fühlte er sich auch nicht. Der Elch, der eigentlich ein
Rentier sein sollte, stand nun auf einem Regal oberhalb der Spüle. Es war ein
hässliches Ding mit orangefarbenen Glasaugen, die blinkten und ihm ein
tückisches Aussehen gaben. Joselyn spülte das Geschirr und warf ab und an einen
Blick darauf.
Warum musste es ein
Rentier sein?
„Weißt du, der
Weihnachtsmann kann doch nur mit einem Rentier kommen. Das ist einfach so“,
hatte Joselyn ihm erklärt. Vielleicht wäre es besser gewesen im Internet zu
bestellen. Aber die Zeit hatte nicht gereicht, und Joselyn bestand darauf, dass
er sich um das vermaledeite Tier kümmerte.
„Was gibt es im
Fernsehen?“
„Ich dachte wir
könnten heute mal eine DVD ansehen…“
Joselyn ging ins
Schlafzimmer zog einen Morgenmantel an und setzte sich aufs Bett. In Gedanken
zählte sie die Tage bis Heiligabend. Im Fenster hing ein großer Stern aus rosa
Papier. Henry hatte ihn mitgebracht und das Ungetüm zur Alternative für den
Weihnachtsbaum erklärt. Ihr wäre auch ein kleiner Baum recht gewesen, notfalls
aus Plastik, nur konnte sie ihm das nicht sagen.
Wie soll man eine
unbestimmte Sehnsucht erklären, die man selber nicht versteht? Henry mühte sich
ohnehin sehr ab, damit es ihr gut ging und tat alles, um sie vergessen zu
lassen, dass es ihr letztes Weihnachten sein würde.
Drei Jahre und sieben
Tage. So lange kannte sie ihn jetzt, und ihre erste Begegnung hatte sich fest
in ihrem Gedächtnis verankert. Henry war ihr aufgefallen, weil er eine
scheußlich orangefarbene Jacke trug, während er vor ihr an der Kasse eines
Supermarkts wartete. Erst als er sich umdrehte und sie mit haselnussbraunen
Augen anlachte, bildeten sich in ihrem Magen viele flatternde Schmetterlinge.
Der blonde Lockenkopf
hätte vielleicht einen neuen Schnitt vertragen können, aber sein Charme machte
alles wett, und sie verliebte sich von einer Sekunde zur anderen.
Er stand im Türrahmen
und sah wie sie nachdachte. Was konnte er noch tun, damit sie sich nicht
ständig so quälte? Unhörbar seufzend stellte er den Fernseher an und legte die
DVD mit Joselyns Lieblingsfilm in den Player. Sollte er Reue spüren, weil er
ihr diesmal nicht das Richtige mitgebracht hatte? Für ihn bedeutete es nichts.
Er konnte mit dem ganzen „Weihnachsklimbim“, wie er es insgeheim nannte, nichts
anfangen. Der rosa Stern war ein weiterer Beweis für seine Versuche, das Fest
der Liebe und der Freude in irgendeiner Form anzunehmen. Einen Baum hatte
Joselyn sich gewünscht…
Joselyn schaltete die
Beleuchtung des Sterns an und legte sich aufs Bett. Den Film kannte sie
auswendig und die Handlung rauschte an ihr vorbei. Sie war ganz weit weg. Wohin
würde sie gehen, wenn das hier vorbei war?
„Komm zurück.“ Henrys
Stimme klang ganz dicht an ihrem Ohr und brachte sie zurück in das kleine
Schlafzimmer und die Wirklichkeit.
„Ich möchte nicht,
dass du dabei bist“, murmelte sie und drehte sich zur Seite.
Henrys Herz zog sich
schmerzhaft zusammen. Diesmal fühlte er Scham und Schuld, denn er hatte Angst
davor. Gnadenlose kalte Furcht. Tief in ihm war immer der Wunsch gewesen, es
nicht miterleben zu müssen und nun, da sie ihn davon befreite, sah er sein
eigenes Versagen mit unerbittlicher Klarheit.
„Ich werde morgen noch
einmal nach einem Rentier suchen. Vielleicht bekomme ich sogar eines, das ein
Weihnachtslied singt?“ Er versuchte positiv zu klingen.
„Lass nur. Der Elch
reicht auch. Was hältst du davon, wenn ich noch einmal Plätzchen backe? Es sind
nur noch ganz wenige da, und an Heiligabend sollten wir doch Plätzchen essen.“
Der nächste Tag wurde
hektisch. Eine Lieferung für den Kiosk war ausgeblieben und brachte eine Menge
Ärger mit sich. Henry überlegte, ob er eine Aushilfe einstellen sollte. Bis vor
ein paar Monaten hatte Joselyn mitgeholfen und im Notfall den Verkauf
übernommen, wenn Henry selber etwas für den Kiosk einkaufen musste. Aber dann
kam die Krankheit und mit ihr eine Joselyn, die schwächer wurde, ängstlicher
und auch immer trauriger. Er spürte ihre Trauer, auch wenn sie die Fassade der
Fröhlichkeit tapfer vor sich hertrug.
Das Rentier fiel ihm
wieder ein. Er schloss den Kiosk ab. Egal, dass ihm dadurch eine Menge Geld
durch die Lappen ging. Verärgerte Kunden? Unwichtig.
Henry lief in die
Fußgängerzone, vorbei an Buden in denen man Glühwein und Bratwürstchen anbot.
Die Gerüche verfolgten ihn, und er zog von einem Geschäft ins nächste bis es
spät wurde und die Läden einer nach dem anderen zu machten.
Kein Rentier. Wieso
gab es keine Rentiere? Niedergeschlagen fuhr er nach Hause. In den Fenstern und
Vorgärten wiesen beleuchtete Symbole darauf hin, dass es bald soweit war. Noch
zwei Kilometer bis zum Geständnis. Henry bog in eine kleine Seitenstraße ab,
die zu dem Mehrfamilienhaus führte, in dessen kleinster Wohnung Joselyn auf ihn
wartete. Auf einem der Dächer leuchtete eine besonders große Gestalt. Henry
verlangsamte,um zu sehen, was für eine Figur es war.
Ein Rentier! Das hätte
er sich ja denken können. Mit einem traurigen Lächeln kehrte er heim. Dort
empfing ihn der Duft von frisch gebackenen Plätzchen. Eine Kerze stand auf dem
Küchentisch, die Girlande blinkte hektisch und Joselyn nahm gerade ein
Backblech aus dem Ofen.
„Tut mir leid. Morgen
versuche ich es noch einmal. Ich fahre in die Mall am anderen Ende der Stadt.“
Joselyn schüttelte nur leicht den Kopf.
„Wirklich! Es ist
nicht so wichtig. Ich habe mich jetzt an den Elch gewöhnt“, sagte sie. Henry
wusste darauf keine Antwort. Was sie auch immer sagte, das Rentier war ihr
wichtig. Er würde noch vor Heiligabend eines finden.
Am Morgen jenes
besonderen Tages wachte Joselyn sehr spät auf. Sie hatte geschlafen wie eine
Tote, und der makabre Gedanke kam ihr wie eine Sünde vor. Henry befand sich
nicht neben ihr. Wahrscheinlich war er schon zur Arbeit gefahren. Der Kiosk
sollte bis Mittag geöffnet sein. Aber dann wollte er mit ihr Weihnachten
feiern, so als wäre die Welt ein verzauberter Ort, an dem es keinen Schmerz und
kein Leid gab.
Im Briefkasten lag ein
Umschlag, der an sie adressiert war. Achtlos, ohne den Absender zu lesen, legte
sie ihn auf den Küchentisch und bereitete sich ein Frühstück mit Tee und einer
Scheibe Toast zu. Heute an Weihnachten wollte sie von niemandem belästigt
werden. Ihre Vorbereitung für den Nachmittag und Abend beschäftigten sie.
Joselyn hatte zwei Geschenke für Henry. Einen Jahresgutschein von einem
exklusiven Friseursalon und eine wattierte, hellblaue Daunenjacke, auf deren
Rückseite „King“ aufgestickt war. Die Kerze auf dem Tisch wurde angezündet.
Alle Weihnachtsbeleuchtungen inklusive des hässlichen rosa Sterns waren
angeschaltet. Dann kochte sie ihr Weihnachtsmenü.
Irgendwann schaute sie
auf die Uhr und da es schon so spät war entschloss sie sich, Henry auf seinem
Handy anzurufen. Aber es meldete sich nur die Mailbox. Nun wurde ihr ein wenig
mulmig. Die Vision von einem schlimmen Unfall entstand vor ihren Augen, und sie
musste sich setzen. Um sich abzulenken, schaltete sie das Küchenradio an, fuhr
mit der Zubereitung des Essens fort und redete sich ein, dass alles in Ordnung
sei.
Gegen vier Uhr
nachmittags hatte sich Henry immer noch nicht eingefunden. Kein Anruf. Kein
Lebenszeichen. Immer, wenn sie sein Handy anrief, meldete sich die monotone Stimme
des Ansagetextes. Im Kiosk selber gab es noch kein Telefon. Wen konnte sie noch
kontaktieren, der ihr sagte, was passiert war? Zum Weinen fehlte ihr die Kraft,
die Vorbereitungen für den Heiligabend waren wohl doch zu viel gewesen.
Plötzlich schreckte sie auf. Im Radio hatte jemand ihren Namen gesagt.
„Achtung! Dieser
Weihnachtsgruß geht an Joselyn von Henry. Joselyn? Das ist für Dich.“
Es erklang das Lied
„Rudolph The Red Nosed Reindeer“. Der Weihnachtskönig hatte geschafft, dass
Joselyn lachte, bis ihr die Tränen kamen. Sie lachte auch noch, als die
Wohnungstür aufgeschlossen wurde und ein abgekämpfter Henry in die Wohnung
trat.
„Hast du das Rentier
erhalten? Also das Lied meine ich“, fragte er atemlos.
„Ja! Wie hast du das
angestellt? An Weihnachten?“, fragte sie, während sie ihn umarmte.
„Ich bin zum Sender
gefahren. Erst habe ich dort angerufen, aber sie wollten partout keine Wünsche
erfüllen, weil das Programm ja schon feststeht. Hat auch eine Weile gedauert
bis ich sie überzeugt habe, dass man gerade dieses Lied spielen soll. Dann fiel
mir ein, dass du vielleicht das Radio nicht eingeschaltet hast, und ich konnte
dich nicht anrufen weil mein Handyakku leer ist. Ja, und auf dem Heimweg hatte
ich eine Reifenpanne. Tut mir leid, dass ich so spät bin.“ Henry setzte sich
auf einen Stuhl und zog Joselyn auf seinen Schoß.
„Du Ärmster. Nein. Mir
tut es leid. Alles wegen des Rentiers! Du bist wirklich und wahrhaftig mein
Weihnachtskönig und nun müssen wir Ihre Majestät füttern!“
Henry nahm den
Briefumschlag, der immer noch auf dem Tisch lag, las den Absender und
erstarrte.
„Joselyn, der Brief
hier, hast du gesehen, woher er kommt?“
„Oh, den habe ich ganz
vergessen“, antwortete Joselyn, die gerade den Salat aus dem Kühlschrank holte.
„Der Absender ist die Rembach-Klinik.“
Die Salatschüssel fiel
zu Boden.
Mit zitternden Fingern
öffnete Henry den Umschlag. Es wurde mitgeteilt, dass Josselyn zur Behandlung
angenommen war und sie am 2. Januar dort erwartet wurde. Es bestand wieder
Hoffnung auf weitere gemeinsame Weihnachtsfeste.
„Du hattest Recht,
Joselyn. Der Weihnachtsmann kann nur mit einem Rentier kommen!“
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen
Do it
Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.